Homework Time II

Alltag in Pokhara, Nepal

Namaste! Wie ich euch schon berichtet habe, wurde ich von DB, Rekha und den Kindern sehr herzlich in ihren Reihen aufgenommen und fühle mich sehr wohl hier. Die Verständigung klappt mal besser, mal schlechter, aber am Ende versteht man sich dann doch immer wieder. Mittlerweile kann ich auch schon alle Namen der Kinder und bin auf mich selbst stolz. Das Leben ist recht einfach, aber das wird durch die herzliche Familienatmosphäre sehr schnell aufgefangen. Die Kinder haben zumindest was zum Anziehen, bekommen zweimal am Tag ihr Dhaal Bhat und – am wichtigsten – sie können zur Schule gehen, so dass sie später hoffentlich ihr eigenes Leben führen können. Das ist schon weitaus mehr als viele andere Kinder hier in Nepal haben, auch wenn es nach unseren Verhältnissen natürlich nach wie vor ein sehr bescheidenes Leben ist. Aber trotzdem hat man häufig das Gefühl, dass die Kinder durchaus glücklicher sind als so manche westliche Kinder, die alle unsere vermeintlichen Errungenschaften zur Verfügung haben und schon gar nicht mehr wissen, ob sie heute mit der Playstation, der X-Box oder doch lieber mit dem Computer spielen sollen.

Mittlerweile neigt sich auch schon die erste Woche dem Ende zu, heute ist Freitag und die Kinder haben nur einen halben Tag Schule bis 13 Uhr. Samstag ist dann ihr freier Tag bevor es am Sonntag wieder los geht mit der neuen Woche. Und es hat sich für mich mittlerweile so etwas wie ein Alltag herausgebildet. Los geht es in der Früh, das Haus erwacht spätestens so ab 7 Uhr zum Leben, die Kinder werden aktiv, trapsen ins Bad und auf die Toilette. Dann werden noch die unterschiedlichsten Sachen gemacht, manche Kinder machen noch ein paar Hausaufgaben, gerade dann wenn es am Abend vorher mal wieder keinen Strom und damit Licht gab. Denn der Strom ist in Nepal recht stark sanktioniert, es gibt meist nur so zwischen 6-8 Stunden Strom hier in Pokhara. In Kathmandu sind es eher so 12-14 Stunden, aber man weiss halt auch nie genau, wann der Strom wieder weg ist. Es gibt wohl zumindest eine Art Hotline, die DB ab und an anruft, die einem die ungefähren Zeiten sagt. Aber planen kann man damit halt auch nicht wirklich. Und sowohl gesamtwirtschaftlich als auch privat gesehen ist dies meiner Meinung eines der größten Probleme, aber DB meinte die Regierung kriegt das nicht wirklich in den Griff, da sie mehr mit sich selbst beschäftigt ist. Also gibt es hier keine Aussicht auf schnelle Besserung.

Aber ich schweife ab, ich wollte euch ja eigentlich was über den Alltag hier erzählen. Nun gut, die Sache mit dem Strom gehört da halt auch dazu. Weiterhin machen sich die Mädchen vor dem Frühstück noch gegenseitig ihre Haare und flechten sich Zöpfe. Das ist auch eine Prozedur für sich und die Details muss ich noch rausfinden, ich weiss nur, dass eine Menge Haaröl im Spiel ist. Oder wenn sonst nichts zu tun ist, spielen die Kinder natürlich auch immer wieder gerne vor dem Frühstück. Gegen 9:15 Uhr ist dann Frühstückszeit und das heißt in Nepal Dhaal Bhat-Zeit, genauso wie auch zum Abendessen. Und das sind auch die einzigen beiden Mahlzeiten, ein Mittagessen wie wir es kennen gibt es hier nicht. Und Abwechslung gibt es bei den Mahlzeiten eben auch fast nie, hier heißt es Dhaal Bhat tagein, tagaus. Dabei setzt sich Dhaal Bhat aus Reis, einer Linsensuppe und einem meist unterschiedlichen Gemisch aus schmackhaft gewürztem Gemüse zusammen. Daher kommt zumindest über das Gemüse ein bisschen Variation ins Essen, aber die hält sich dann doch sehr in Grenzen. Und da hier wirklich das ganze Gemüse verarbeitet wird, gibt es eben auch die Strünke vom Broccoli oder Blumenkohl, das ist auch nicht jedermanns Geschmack. Das Ganze wird dann typischerweise zusammengepampt und mit den Händen gegessen. Aber ich als Gast bekomme zumindest einen Löffel gereicht und habe es mir angewöhnt, die Linsensuppe einzeln zu essen, sonst wird das zuviel Pampe für mich. Und zum einen ist ein warmes Frühstück für uns schon mal die eine Sache und zum anderen muss ich Silke und Rahel immer mehr zustimmen, dass man irgendwann einfach genug von Dhaal Bhat hat und einfach mal wieder einen anderen Geschmack braucht. Aber das ist kein Problem, dann macht man sich einfach mal wieder kurz auf den Weg in die Stadt und holt sich diesen anderen Geschmack an einem der vielen Strassenstände oder Restaurants.

Nach dem Dhaal Bhat ziehen sich die Kinder dann geschwind ihr Schuluniformen an, die Mädchen schlüpfen in Strumpfhosen und die Jungs ziehen sich Socken an. Dazu gibt es für jedes Kind ein paar weisse Schuhe und fertig sind sie für den Unterricht. Dann ist es meine Aufgabe, sie pünktlich um 10 Uhr zur Schule zu bringen oder besser gesagt, die Kinder nehmen mich an der Hand und führen mich in die Schule. Dort verabschieden sich die Kinder dann und laufen voller Schwung in ihre einzelnen Klassenzimmer. Der Schulweg ist dabei auch recht kurz, mehr als 10 Minuten brauchen wir nicht dafür. Nachdem die Kinder in der Schule sind, haben DB, Rekha und ich sozusagen frei und warten bis die Kinder dann um 15:15 Uhr wieder abgeholt werden müssen. Die Zwischenzeit wird für die unterschiedlichsten Aktivitäten genutzt. Da meist um diese Uhrzeit kein Strom da ist, können DB und ich nicht viel am Computer machen. DB hat sich da so ein paar Sachen ausgedacht, wie seine Broschüre zu überarbeiten oder einen Sticker für die Foster Foundation Nepal zu erstellen, den wir dann auf unserer Trekkingtour überall verteilen wollen. Weiterhin hat er erst kürzlich eine Umfrage in einer abgelegenen Schule gemacht und sortiert da jetzt die Daten und möchte dann Kinder auswählen, die nach seinen Kriterien förderungswürdig sind. Das Geld dazu hat er zwar noch nicht, aber er möchte sich dann auf die Suche nach Sponsoren machen und verschiedene Organisationen anschreiben. Wie das dann genau vonstatten gehen soll, habe ich auch noch nicht rausgefunden, aber DB ist auf jeden Fall umtriebig und möchte noch mehr Menschen helfen als er das jetzt eh schon tut. Und irgendwie muss man es ja versuchen und er wird auch da schon einen Weg finden, schließlich hat er es ja auch geschafft, das Waisenhaus auf die Beine zu stellen und am Laufen zu halten. Und manchmal bewegt ein gutes Herz mehr als viel Geld.

Wenn mir die Decke mal gerade wieder auf den Kopf fällt, dann verabschiede ich mich kurz von DB und Rekha und ziehe auf eigene Faust ein bisschen durch die Strassen von Pokhara. Meist zieht es mich dann an den Phewa Lake, an dessen Ufer ich einfach stundenlang sitzen könnte und die schöne Natur und den tollen Ausblick geniessen könnte. Leider bleibt man als so offensichtlicher Ausländer nicht wirklich lange alleine am Ufer sitzen, meist kommt eine (angeblich) tibetanische Frau und möchte, dass man sich doch wenigstens mal ihr Handarbeit ansieht. Oder Leute setzen sich einfach so zu einem und beginnen das Gespräch meist mit einem „Where are you from?“ und es stellt sich meist heraus, dass sie zufällig Trekking Guides sind und einem gerne die Bergwelt zeigen würden. Und da dieser Bedarf bei mir ja schon gedeckt ist, läuft es dann darauf hinaus, dass ich ihnen doch wenigstens einen Dollar geben soll. Und dabei will ich doch nur in Ruhe am See sitzen und Sonne tanken. Aber nun gut, man kann es ihnen ja noch nicht einmal verübeln, wir würden es ihn ihrer Situation ja sicherlich auch nicht anders machen und es halt wenigstens mal versuchen.

Das sind dann auch die zwei Seiten vom Phewa Lake. Solange man auf den See und die Berge sieht, denkt man sich, was für ein heiles Stück Welt man doch vor sich hat und wie großartig unsere Erde ist. Aber sobald man den Blick in die andere Richtung dreht, sieht man eben die Menschen, die unter einfachsten und schwierigsten Bedingungen versuchen, ihr Leben zu meistern und im wahrsten Sinne des Wortes zu überleben. Ach Nepal, so reich und doch so arm!

Nach diesen Ausflügen, die neben dem Auge auch eben immer den Gedankenfluss anregen, geht es dann aber pünktlich um 15:15 wieder zurück zur Schule, denn die Kinder wollen ja auch sicher nach Hause gebracht werden. Dass man dort als Ausländer, der sowieso schon zwei Köpfe größer als ein ausgewachsener Nepalese ist, dann doch etwas auffällt, muss man denke ich nicht wirklich betonen. Aber wenn dieser Ausländer dann auch noch seine Kamera mitbringt, ist die Aufregung gross und jeder will ein Photo haben und sich das dann natürlich auch gleich ansehen. Und dann wird eben vor der Kamera rumgealbert, rumgebalgt und Spass gehabt. So macht das Photographieren Spass und die Bilder sprühen dementsprechend auch vor Lebensfreude. Aber so sind diese Kinder nun mal wirklich, sie sind voll des Lebens, immer neugierig, sehr wissbegierig und ohne große Berührungsängste. Dass man sich hier nur wohlfühlen kann und in solchen Momenten alles Schlechte in Nepal vergisst, erklärt sich wohl von selbst.

Nach der ausgedehnten Photosession auf dem Schulhof ging es dann zurück nach Hause. Und ab und an gibt es dann doch noch eine kleine Zwischenmahlzeit. Dies kann mal ein Tee mit Keksen, Popcorn oder eine Schüssel Reis sein. Und dann kann man gar nicht schauen, so schnell wie die Kinder aus ihren Schuluniformen schlüpfen und wieder ihre normale Kleidung anziehen. Und wer jetzt vermutet, dass man sich nach der Schule erst mal abreagieren muss und nun gespielt wird, liegt leider falsch. Die Kinder sind wirklich sehr diszipliniert und machen sich immer erst an ihre Hausaufgaben. Der Großteil der Kinder ist in den Klassen 2 bis 4 und die Aufgaben sind doch sehr einfach, meist geht es nur darum irgendwelche englischen Texte abzuschreiben. Oder wenn dann doch mal Fragen zu einem Text gestellt werden, dann geht es auch nur darum den richtigen Satz aus dem Text zu finden und den abzuschreiben. Ansonsten haben die Kleinen noch ein bisschen Mathematik und natürlich Nepali, aber da wollen sie dann irgendwie immer nicht, dass ich ihnen helfe. Kann gar nicht verstehen warum nicht? Beim ältesten Sohn Chhitij, der die neunte Klasse besucht sieht die Welt schon ein bisschen anders aus und der Unterrichtsstoff ist teilweise schon recht knackig, so dass ich durchaus teilweise meine Mühen hätten ihm da wirklich weiterzuhelfen. Aber muss ich meist auch gar nicht, denn die Kinder sind wirklich ziemlich gut in der Schule, was man nun auch immer von diesem recht starren und meist auf’s Auswendiglernen limitierten System halten mag. Aber so ist das nun mal hier in Nepal und ich bin nicht da, um das Schulsystem zu ändern und daher freue ich mich sehr, dass die Kinder in diesem offenbar so gut zurechtkommen, denn das ist für ihre Entwicklung wirklich einer der wichtigsten Faktoren. Nach der 10.Klasse gibt es nämlich eine wohl recht anspruchsvolle Abschlussprüfung, die über die weitere schulische und berufliche Karriere entscheidet. DB hat diese Hürde den Eisernen Vorhang genannt und es scheint wirklich sehr anspruchsvoll zu sein. Die älteste Tochter des Hauses hat eben diese Prüfung in knapp einem Monat vor sich und ist deswegen aktuell auch gar nicht zuhause, sondern bereitet sich irgendwo ausserhalb auf genau diese Prüfung vor. Wo und wie das genau vonstatten geht, habe ich auch noch nicht exakt verstanden, aber es scheint wohl eine Art Boot Camp zu sein und in Nepal recht üblich zu sein.

Aber irgendwann sind dann auch endlich alle Hausaufgaben gemacht und dann dürfen die Kinder endlich wieder Kinder sein. Und das sieht dann so aus, wie in allen anderen Teilen der Welt auch, die Kinder haben Spass und spielen, malen oder tun alles was ihnen sonst so einfällt. Und da kommt es gerade recht, dass der Travelpirate im Haus ist und einen Sack Luftballons mit Pumpe mitgebracht hat. Wie man Luftballontiere macht, habe ich mir zusammen mit DB und Rekha in einer unserer Freizeiten wieder selbst beigebracht und ihr hättet sehen sollen, was für einen Spass die Erwachsenen schon daran hatten. Und dass die Kinder nur noch mehr Spass dran hatten, liegt dann natürlich auf der Hand. Die Renner sind bei den Jungs Schwerter und Pistolen und bei den Mädchen Puppen. Tja, auch hier unterscheiden sich nepalesische Kinder eben nicht von den anderen Kindern auf der Welt. Irgendwann wird es dann aber auch schon schön langsam dunkel und je nach Verfügbarkeit des Stromes heißt das dann Kerzenlicht oder elektrisches Licht. Meist werden die Kinder dann auch noch mal ruhiger und packen doch noch mal ihre Schulbücher aus oder vertreiben sich die Zeit mit Malen. Aber so gegen 19 – 19:30 Uhr ist es dann vorbei mit der ruhigen Zeit, das Dhaal Bhat ist erneut fertig und die Kinder stürmen in die Küche und lassen sich ihren Reis mit Linsen und Gemüse schmecken. Danach wird dann noch ein bisschen rumgealbert, man könnte sich ja mal im Armdrücken gegen den Travelpirate versuchen oder diesem lustige Klatschspiele beibringen oder versuchen ihm ein bisschen Nepalesisch beizubringen, dem kindlichen Einfallsreichtum sind hier keine Grenzen gesetzt.

Dann heißt es aber auch recht schnell ab auf’s Zimmer und Schlafen gehen. Das dauert natürlich immer ein bisschen, bis alle noch mal im Badezimmer und auf der Toilette waren, aber dann geht auch recht schnell das Licht aus. Oder eigentlich wird meist die Kerze ausgepustet, denn Strom ist um diese Zeit nur noch selten da. Aber das ist tatsächlich eine der schönen Sachen, denn ich habe wiederentdeckt, wie toll es ist sich einfach nur mit einer Kerze und seinen Gedanken in einen Raum zu setzen. Man braucht wirklich nicht mehr und kann auf jegliche andere Ablenkung gut verzichten! In diesem Sinne macht jetzt geschwind mal eure Lichter aus, zündet euch eine Kerze an und lasst euren Gedanken einfach mal wieder mehr freien Lauf! Und denkt dabei ein bisschen an uns! Gute Nacht!

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