Sugarcane Fire IV

Der Travelpirate und das Sadhu-Shiva-Zuckerrohr-Festival

Heute hat in Nepal der eine Feiertag dem anderen Feiertag die Klinke in die Hand gegeben. Während gestern der „Democracy Day“ gefeiert wurde, an dem aber mal so was von gar nix los war, ging es da heute schon deutlich bunter und lebendiger zu. Den genauen nepalesischen Namen habe ich natürlich wieder vergessen und selbst wenn ich ihn mir gemerkt hätte, könnte ich ihn wahrscheinlich sowieso nicht richtig schreiben. Aber das heutige Festival wurde mir auch schon unter den unterschiedlichsten Namen verkauft und alle sind irgendwie auch richtig…

Allen gemein ist, dass es sich um einen hinduistischen Feiertag handelt und in der ersten Version hat mir DB das heutige Festival als Sadhu-Festival erklärt. Sadhus sind im Hinduismus besonders heilige Menschen, die sich an ein paar mehr Regeln wie die gewöhnlichen Hindus halten müssen. Dabei sind sie meist mittellos und ziehen durch die Lande. Touristen kennen sie meist als besonders hübsch rausgeputzte Leute, die nur zu gerne Photos von sich machen lassen wollen und dann dafür meist eine sehr stolze Summe verlangen. Zudem sind sie bewusstseinserweiterenden Substanzen auch durchaus nicht abgeneigt und sehen diese als Weg zur Erleuchtung. So hat mir das DB dann eben auch beschrieben, dass die Sadhus am Abend alle beisammensitzen und sich eben in höhere Sphären entführen lassen.

Die Sadhus hatten wir beim Besuch eines Tempels um die Mittagszeit auch gesehen, aber da waren sie noch alle sehr züchtig und sassen vor dem Tempel und die meisten Leute haben ihnen eine Handvoll Reis und ein bisschen Kleingeld gespendet. Und auch sonst steppt der Bär im Tempel, es gab sogar eine Schlange bis raus zum Haupteingang, jeder Hindu aus der Gegend wollte anscheinend in den Tempel und sich dort seine Tikka abholen. Das war besonders schön anzusehen, da sich vor allem die Frauen in ihre schönsten Saris geschmissen hatten und so ein buntes Treiben im Tempel boten. In den Tempel selbst durfte ich nicht, aber zumindest in den Aussenbereich, von dem aus ich aber besten Blick auf das Geschehen hatte. Die Hindus scheinen da ein bisschen eigen zu sein, denn in manche Tempel durfte ich schon ohne Probleme und habe dort auch selbst eine Tikka bekommen, in manch andere wie z.B. Pashupati in Kathmandu durfte man dagegen gar nicht. Also daher lieber immer mal vorher höflich fragen, ob man als Europäer auch in den Tempel rein darf. Aber das versteht sich sich ja eigentlich aus Respekt der anderen Religion gegenüber ja eigentlich von selbst.

Der Tempel selbst war recht überschaubar, aufgefallen sind eher die vielen kleinen Details und eben die Farbenfreude. Teilweise geht das für meinen Geschmack schon recht ins kitschige, aber wem’s gefällt 🙂 Für mich als Photographen sind das aber natürlich sehr dankbare Motive. Im Tempel hat mir DB dann auch den eigentlichen Ursprung des Festivals erklärt: Die Hindus feiern an diesem Tag den Geburtstag von Shiva. Shiva ist einer der Hauptgötter im Hinduismus und wohl auch einer der beliebtesten Götter, daher ist das im hinduistischen Kalender also durchaus einer der höheren Feiertage. Und damit hätten wir dann die zweite Bedeutung des Festivals erklärt.

Aber die schönste Bedeutung hat sich dann am Abend gezeigt. Wir sind dann zwar leider nicht mehr in den gleichen Tempel gegangen und haben den Sadhus bei ihrem Treiben zugesehen. Aber ein paar Männer unter Drogeneinfluss sind dann sicherlich auch nicht soooo spannend anzusehen. Stattdessen sind wir in den Tempel gleich hier in der Nachbarschaft gegangen und dort war ein richtig grosses Lagerfeuer am brennen, das man schon von weit her über die Tempelmauern lodern sehen konnte und den Funkenflug beobachten konnte. Das hat dann jetzt auch endlich erklärt, wieso wir am Vorabend im Garten der Foster Foundation Nepal das Zuckerrohr geerntet haben. Also eigentlich hatte sich das schon am Nachmittag teilweise aufgeklärt, da es dann erst mal ein lecker Stück Zuckerrohr für alle gab. Und da wurde dann gleich mal das Gebiss auf eine harte Probe gestellt, denn erst muss man mit den Zähnen die äußere Schale vom Zuckerrohr entfernen und dann kommt man an das saftige Innere heran, denn Zuckerrohr hat einen hohen Wassergehalt und schmeckt überraschenderweise süss! Man beisst dann munter und beherzt in das Zuckerrohr rein und hat dann irgendwann den Mund voll mit Fasern. Auf diesen kaut man dann genüsslich drauf rum bis kein Saft mehr in den Fasern ist und spuckt die ausgemergelten Fasern dann aus. Geschmacklich ist das nun nicht so wirklich die Offenbarung, es schmeckt zwar leicht süsslich, aber eben auch leicht holzig und ist alles in allem eine recht mühsame Angelegenheit, die auf die Zähne geht. Aber zumindest habe ich mein Repertoire an Überlebenstechniken wieder erweitert und werde auf einer Zuckerrohrplantage nie mehr verdursten und verhungern. Wer weiss, wann man das noch mal gebrauchen kann 🙂

Aber nun zurück zum Lagerfeuer und dem anderen viel lustigeren Verwendungszweck von Zuckerrohr. Wenn man das nämlich erst mal zur Hälfte schön ins Lagerfeuer steckt und dort ca. 5-10 erhitzen lässt, hat man einen wunderbaren Knallfrosch. Denn man muss dann nur noch das Zuckerrohr aus dem Feuer nehmen, das ungefähr 2 m lange Zuckerrohr dann am kalten Ende festhalten und dieses mit voller Gewalt über den Kopf auf einen Betonboden schleudern. Dann zerplatzt das Zuckerrohr mit einem lauten Knall, zerspringt und verteilt sich in alle Ecken des Tempels. Und dabei knallt das nicht zu wenig! Kommt natürlich immer auf das Zuckerrohr und die Qualität des Schleuderers drauf an, aber es hat schon was von einem lauten China-Böller zu Silvester. Und wehe dem, der es dann wagt zu dem Zeitpunkt auf dem Betonboden entlang zu gehen, denn der bekommt das Zuckerrohr dann schon mal schnell im knappen Abstand vor die Füsse geknallt und darf hoffen, dass er nicht zu viele Einzelstücke abbekommt. Und man kann es sich ja fast schon denken, dass dieses Geknalle dan schnell in Männlichkeitsrituale ausartet und sich die Dorfjugend gerne selbst beweisen will und natürlich auch die umstehenden Mädels. Dementsprechend lustig und frivol geht es rund um das Lagerfeuer dann auch zu und es macht echt Spass dem Treiben zuzusehen, denn das ist wieder so ein Moment an dem man die Volksseele der Nepalesen wieder sehr gut erkennen kann.

Natürlich bin ich auch nicht drum rumgekommen, mich in der Kunst des Zuckerrohr-Knallens zu beweisen. Man fällt halt nun mal auf als Europäer, der alle anwesenden Nepalis um mindestens einen Kopf überragt. Und aus der Geschichte kommt man dann eben auch nicht raus, wenn einen der halbe Tempel dazu auffordert. Und ganz abgesehen davon macht das natürlich auch einen Heidenspass und ich wollte es sowieso mal ausprobieren. Und glücklicherweise habe ich auch ein gutes Zuckerrohr erwischt und konnte durchaus einen ansehnlichen Knall auf den Betonboden zaubern. Ich konnte zwar nicht nicht ganz mit den besten Jungs mithalten, aber für einen Europäer war es wohl nicht schlecht wie der anschließende Applaus bewiesen hat sowie die Scharen von nepalesischen Jungfrauen, die sich mir dann an den Hals geworfen haben. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte… 😉

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